Black Box & White Cube

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Eventdauer: 18.11.2015 - 04.12.2015


von No Naik

Der Künstler Nicola Genovese legt den Fokus seiner Arbeit auf die Wahrnehmung der Zeit in unserer globalisierten Welt. Im Rahmen der Ausstellung “Black Box and White Cube” zeigt er auf, wie der Mythos des Authentischen zu unerwarteten Kurzschlüssen führt. Zu seiner Ausstellung gehört speziell auch die Video Installation “When borders look like jellyfishes”. Seine Videoinstallation wird ergänzt durch tribale Tattoo Skulpturen, die von ihrer Form her an die Tradition der Maori erinnern. Das Video, aufgenommen beim Schloss von Carl Gustav Jung in Bollingen am Zürichsee, stellt durch die Lektüre des Noa Noa, des tahitianischen Tagebuchs von Paul Gauguin, einen beunruhigenden Zusammenhang her zwischen dem paradiesischen Cliché der Schweiz einerseits und Tahiti anderseits. Der exotische Reiz fremder Kulturen, den sowohl Jung wie Gauguin auf ihre Weise verspürten, wird hier zusammen verbunden.

Black Box
Das Prinzip des Containerverkehrs und der Grund für seinen durchschlagenden Erfolg besteht darin, den Container als einen Meta-Behälter zu konzipieren, um dessen Inhalt man sich nicht kümmert, solange man sich nicht am Anfang oder am Ende der Transportkette befindet. Der Container fungiert als eine Art “Black Box des Transports.” Die Black Box war ein in der Kybernetik entwickeltes Modell zum Umgang mit Maschinen, deren Funktionsweise nicht bekannt ist.2
Wird der Container seiner eigentlichen Funktion – dem Transport von Waren – beraubt, verwandelt er sich in einen Raum zur Reflexion über Landschaft, Geographie und Politik. Der artcontainer als “White Cube” bietet genau dieses Raumerlebnis.

„Der Container ist das Medium der Globalisierungs-Gesellschaft schlechthin: Er hat den Warenverkehr revolutioniert, etwa 90 Prozent aller Waren werden heute so transportiert. Gleichzeitig ist er Symbol der Globalisierung, sowohl für deren wirtschaftliche Dynamik als auch für die entfremdeten Zustände im Kapitalismus.“ Alexander Klose1

Container in der Kunst –

Die magische Black Box
Was zahlreiche Containertheorien verbindet, ist die konstitutive Leere bzw.Entleerbarkeit, die den Container zum universellen Behälter macht. Sie steht im Mittelpunkt der meisten Containertheorien „… Der Container ist kein Gefäss mehr, das die Welt erfasst und den Menschen verkörpert, er ist die magische black box des Nichts, Ende des Menschen und der Welt, Tod Gottes, Ende des Endes und des Anfangs, Endlosigkeit des Vorläufigen, ein nichtssagender Behälter, dem entfällt, was er behält.“ Hannes Böhringer, Kunstphilosoph.3

Die Tanks von etoy
Seit 1998 arbeitet die Künstlergruppe etoy mit ISO-Containern als einem der zentralen Elemente ihrer Kunst. Die in der corporate identity der Gruppe orange lackierten und mit etoy-Logo versehenen Stahlkisten, die „tanks“, sind Teil ihrer künstlerischen Strategie, einer Unternehmensmimikry, die sie in Anlehnung an Beuys als corporate plastic bezeichnen: die Form des international operierenden Wirtschaftsunternehmens als „künstlerische Plastik“. Die Boxen fungieren in diesem Konzept sowohl als Symbol als auch als mobiler Raum für die künstlerischen Aktionen.4

Mean Time
Ein Kunstcontainer auf hoher Fahrt lässt das System sich selbst aussagen. Im Jahr 2000 schifft sich der Londoner Künstler Darren Almond auf einem Containerschiff von den britischen Inseln nach New York ein, um dort seine erste Soloausstellung zu bestreiten. Er begleitet sein wichtigstes Ausstellungsstück, die Arbeit “Mean Time“. Dabei handelt es sich um einen orangefarbenen 40-Fuss-Container, in den eine überdimensionierte Digitaluhr mit Klappziffern eingebaut ist.5

Nackt im Container
Im Rahmen der Wiener Festwochen im Juni 2000 lässt der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief auf dem Opernplatz in Wien ein Abschiebungslager aus Containern errichten. In ihm wohnen zwölf Flüchtlinge, die Asyl beantragt haben. Jeden Tag werden zwei von ihnen aus dem Lager herausgewählt; pünktlich um 20:00 Uhr ist »Abschiebung«. Über Webcams kann man das Leben der Flüchtlinge im Inneren der Container online verfolgen, und an den Abstimmungen über die Abschiebung teilnehmen. Die Containeraktion erzeugt einen Riesenaufruhr und ungeheuer emotionale Reaktionen. In Schlingensiefs Containeraktion kommt wie in einem Brennspiegel zusammen, wodurch die moderne, globalisierte Welt gekennzeichnet ist: einerseits offene Grenzen, globale Kommunikationsnetzwerke, Freihandel, Verkehr von Waren, Informationen und Menschen in einem nie da gewesenen Ausmass; andererseits eine festungsartige Abschliessung der reichen Weltgegenden gegen den Zustrom von Menschen aus armen und kriegsgebeutelten Regionen, sowie eine mehr als ungerechte Verteilung des Zugangs zu Ressourcen, von Grundnahrungsmitteln, Arbeit und Wohlstand bis zu Bildung und Information.6

Film „Der Mann ohne Vergangenheit“
Aki Kaurismäki lässt seinen Helden in einem ausrangierten, zur Notunterkunft umfunktionierten Schiffscontainer zunächst Unterschlupf und dann eine neue Identität finden (2002).

Film „RR“
von James Benning (USA 2007). RR ist die Abkürzung für railroad und steht in den USA auf Warnschildern vor Gleiskreuzungen. Der Film besteht aus 43 statischen Einstellungen an verschiedenen Orten, in den allermeisten Fällen auf dem offenen Land, in denen jeweils ein Zug in voller Länge und Dauer den Bildraum durchfährt.8

Container in der Architektur –

Mobile Dwelling Unit
Zu den ersten, die sich systematisch der Raumkonstruktion mit Containern verschrieben haben, gehört das Büro LOT-EK, New York, der italienischen Architekten Ada Tolla und Giuseppe Lignano. Nachdem sie sich mit Möglichkeiten der Wiederverwendung und Zweckentfremdung von industriellen Komponenten für architektonische und künstlerische Zwecke auseinandergesetzt haben, verfallen sie Mitte der 1990er-Jahre auf den Container. Standardeinheit ihrer Entwürfe wird das Mobile Dwelling Unit (MDU), ein mit schubladenartigen Einbauten versehener Standard-Schiffscontainer.9

Vier Wände
Der Container ist die prototypische und minimalste Verkörperung der „vier Wände“. Fundamentlos und beweglich wie er ist, gibt er der prinzipiellen Abwesenheit eines „Hauses“ eine symbolische Form.10

Raumeinheit
1998 veröffentlicht der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm ein Manifest für den Container als Raumeinheit für eine neue Subsistenzökonomie. Diese soll sich unterhalb der herrschenden „Grossformen“, der gewerblichen Regularien, bauaufsichtlichen Beschränkungen und restriktiven Kreditvergabepraktiken entwickeln können, welche die Einstiegsbedingungen in die Selbstständigkeit für einen großen Teil der Einwohner dieses Landes viel zu hoch hielten.

Orte des Provisoriums
Wo ein Container steht, oder gleich mehrere übereinander gestapelt oder aneinander gereiht werden, herrschen sofort spezifische Verhältnisse, in denen das Dauerhafte und das Flüchtige in eine unentschiedene Beziehung zueinander treten. Container produzieren Orte des Provisoriums, weil sie bereits eine Konvention des Provisorischen verkörpern. Insofern erleichtern es uns Container, Provisorien als solche zu erkennen und zu benutzen.7

Die Ikone der Globalisierung
Der Container, selbst massgeblicher Agent dieser Entwicklung, ist zu einer Ikone der Globalisierung geworden.11

1 20 Fuss Äquivalent Einheit– Die Herrschaft der Containerisierung,
von Alexander Klose

Dissertation Universität Weimar, Fachbereich Medienkultur Bauhaus
2 Klose, Seite 281,3 59, 4 66, 5 265,6 269,7 274, 8 101,9 261,10 296,11 68